1. Juni 2023 | Allgemein Monatsimpuls

Alterssünden 06/23

1. Juni 2023

Sie sind auf der Seite „ältere Generation“ und haben darum vermutlich die Jugendsünden hinter sich. Altsein heißt aber nicht, dass man in der Entwicklung des Charakters weiter ist als junge Menschen. Das ist eine über 4000 Jahre alte Weisheit: Ob einer weise ist, liegt nicht am Alter; was recht ist, weiß man nicht aufgrund der Jahre. (Hiob 32,9). Mich beschäftigt das Thema, Entwicklung des Charakters bei Christen im Alter, seit vielen Jahren. Alterssünden sind oft ausgereifte Jugendsünden, die sich im Alter im neuen Gewand zeigen. Ich denke an Begegnungen mit langjährigen oft über lange Zeit engagierten Christen, von denen spürbar weniger Freude am Herrn ausgeht, dafür umso mehr Bitterkeit und Kritik an anderen. Bitterkeit ist eine von 5 Alterssünden, die ich in der Bibel finde. In Hebräer 12,15 heißt es: Gebt aufeinander acht, dass niemand die Gnade Gottes verscherzt und in ihm keine bittere Wurzel wächst, die Unheil anrichtet und am Ende die ganze Gemeinde vergiftet. Wo Bitterkeit das Leben bestimmt, ist die Verbindung zur Gnade Gottes verloren gegangen. Zuviel Bitterstoffe machen selbst das beste Essen und die schönste Gemeinschaft ungenießbar. Den bitteren Nachgeschmack bekommt jeder zu spüren. Bittere Wurzeln im Herzen können nach diesem Wort sogar eine ganze Gemeinde infizieren. Das Schlimmste ist, dass man es selbst kaum merkt, dass man zur bitteren Quelle geworden ist.

Gegen die Altersünde der Bitterkeit bietet Gottes Wort zwei Heilmittel. Das erste sind die Psalmen und zwar genau die Psalmen, deren Verse bei den Lesungen in den Gottesdiensten gerne weggelassen werden. Ich spreche von den Klage- und Rachepsalmen. Viele sind sich zu fromm um mit Psalm 3 zu beten:  Steh auf, HERR! Ja, allen meinen Feinden zertrümmerst du den Kiefer und den Frevlern schlägst du die Zähne aus. Lobliedern ehren Gott nicht mehr als Klageliedern. David hat mit seinen Klagepsalmen sein Herz frei gehalten von allen negativen Gedanken gegen König Saul, der ihm jahrelang das Leben zur Hölle gemacht hat. Klagelieder reinigen die Seele von Bitterkeit.

Das zweite Gegenmittel steht in dem genannten Vers Hebräer 12 selbst: Gebt aufeinander acht. Andere erkennen eindeutig besser als wir selbst, ob wir ein Mensch geworden sind, der ermutigt, stärkt, Gnade verbreitet oder ständig klagt, kritisiert und allem einen bitteren Beigeschmack gibt. Wer sich zurückzieht aus Gemeinschaft wird ohne es selbst zu wahrzunehmen zum Giftpilz. Nur in der Gemeinschaft wächst die Gnade, wächst die Liebe und wächst die Geduld.

So simpel und fromm sich das anhört, das sicherste Zeichen einer gesunden Entwicklung im Alter ist ein immer größer werdendes Staunen über die Gnade Gottes und ein leidenschaftlicher Blick nach vorne. So wie Bitterkeit eine ganze Gemeinde zerstören kann, so kann ein Mensch, der in der Gnade und in der Freude am Herrn verwurzelt ist, eine ganze Gemeinschaft ermutigen und stärken. Ein mir bekannter Arzt und Therapeut wird manchmal von Patienten gefragt, welche Kirche er empfiehlt. Da er beruflich keine bestimmte Gemeinde mit Namen nennen darf, sagt er: Gehen sie dorthin, wo die Leute mit fröhlichem Gesicht rauskommen. Was verkünden die Gesichter und Gesten am Anfang,  während und nach dem Gottesdienst? Man könnte auch sagen, wie haben ihnen die Begegnungen in der Gemeinde „geschmeckt“?

Ermutigt Sie diejenigen, die zum Rückzug neigen, die Gemeinschaft der Gemeinde zu suchen, auch wenn das manchmal durchaus anstrengend ist. Sollten Sie bei sich selbst wahrnehmen, dass sich zunehmend ein „bitterer Nachgeschmack“ in ihre Worte und Reaktionen einschleicht, nehmen sie es genauso ernst wie alle anderen Altersbeschwerden, für die man ja den Arzt gleich aufsucht. Machen Sie sich die Haltung von Paulus zu eigen, der in 2.Tim 2,22 schreibt: Fliehe die Begierden der Jugend und den Sünden des Alters (Letzteres von mir ergänzt)! Jage aber nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen.

Friedrich Zahn (Mitglied im Arbeitskreis Ältere Generationen)