Dieser Vortrag trägt ganz bewusst einen positiven Titel. Denn das Stichwort „Älterer Mensch“ ist emotional aufgeladen.
Die Medien schildern die demographische Entwicklung Deutschlands häufig als Problem. Die zunehmende Überalterung unserer Gesellschaft ist doch eine Folge des medizinischen Fortschritts und der leichter gewordenen Lebensverhältnisse. Denken wir dabei an die Technisierung des Haushaltes.
Ab wann ist ein Mensch älter?
Ab wann gehört denn ein Mensch zu den Älteren? Im Mittelalter lag der Altersdurchschnitt bei ungefähr 45 Jahren. Im 20. Jahrhundert lebte ein Mann durchschnittlich 75 Jahre, eine Frau 5 Jahre länger. Im jetzigen Jahrhundert steigt die Lebenserwartung stetig. Die Zahl der Hundertjährigen nimmt zu. Die Lebensarbeitszeit wurde auf 67 Jahre hochgesetzt. Viele Menschen leben jetzt schon länger im Ruhestand, als sie berufstätig waren.
Ab wann also gehört ein Mensch zu den Senioren? Am häufigsten werden in Deutschland 50, 55 oder 60 Jahre als Altersgrenze genannt. Andere geben das Renteneintrittsalter als Altersgrenze an. Eine genaue Definition gibt es nicht. Seit dem 18. Jahrhundert nannte man das Oberhaupt einer Familie „Senior“.
Minderwertigkeitsgefühle
Ältere Menschen tun sich zunehmend schwer damit, zur Gruppe der Senioren gezählt zu werden. Viele fühlen sich dabei nicht mehr als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Sie empfinden sich als Kostenfaktor, weil sie häufiger medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Viele empfinden sich als Last für ihre Kinder.
Der verstorbene Schauspieler und Entertainer Joachim Fuchsberger hat gesagt: „Alt werden ist nichts für Feiglinge“. Der Satiriker und Kabarettist Dieter Hildebrandt schrieb ein Buch mit dem Titel „Nie wieder achtzig“. Er schreibt: „Die alten Menschen vermehren sich in den letzten 30 Jahren auf unzulässige Weise, und niemand kann einen Grund dafür angeben. Liegt es vielleicht an dem Lärm, den wir verursachen?“
Es bleibt vermutlich so, dass wir nicht weiser werden und bis zum Grabesrande leider auch nicht leiser werden, na, allenfalls wird sich die Faust verstohlen in der Tasche ballen und große Schnauzen werden in den meisten Fällen nie drauf fallen. Man wird der bleiben, der man schon von Anfang an gewesen. Erfolge fallen aus. So wie die Zähne und die Haare. Man trocknet aus, nur noch die Augen werden feucht beim Lesen, und was man liest, sind bestenfalls Versichrungsformulare. Das Jüngersein hat man zum größten Teil vergessen, und dass da mal mit Frauen etwas war. Ansonsten hat man so sein Leben abgesessen und wartet auf den Freispruch. Prost Neujahr.
Begrifflichkeit
Das Wort „Ruhestand“ passt m.E. nicht mehr in unsere gesellschaftliche Situation. Die meisten Senioren leben aktiv, übernehmen Aufgaben, reisen, treiben Sport. Soziologen sprechen heute von den „3 Lebensabschnitten des Menschen“.
Kindheit und Ausbildung
Berufstätigkeit und Familie
Zeit nach der Berufstätigkeit
Deshalb ist es wichtig, dass wir uns den 7 Vorzügen des älter werdenden Menschen widmen.
Vorzug 1: Weisheit
Weisheit ist ein wertvolles Kapital. Es schützt unser Leben und führt dazu, dass wir uns weiter entwickeln. Eines muss uns bewusst sein: Wir können uns Weisheit nur schenken lassen. Weisheit kommt immer von außen in unser Leben. Denken wir an das Beispiel der Lebensweisheiten. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben. Manche sind ganz einfach: „Jeder Mensch ist anders.“ Oder: „Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, sondern an das, was du hast.“
Weisheit geht darüber hinaus. Sie hilft uns, Zusammenhänge im Leben richtig einzuschätzen. Wir dürfen sie uns schenken lassen. Jede Kultur und jede Religion hat ihre Weisheiten entwickelt. Wir Christen empfangen unsere Weisheit aus der Bibel. „Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.“ 1. Korinther 1, 20.21
Der älter gewordene Christ hat einen deutlicheren Blick für die Weisheit, die aus der Bibel, ja von Gott kommt. Von dieser Weisheit sollten wir uns im Denken, Reden und Handeln bestimmen lassen. So zeigt diese Weisheit beispielsweise, dass die Liebe das Größte ist und die Versöhnung das erste Ziel.
Vorzug 2: Erfahrung
Erfahrung ist die Summe unserer Kenntnisse. Erfahrung bildet sich im Laufe eines Lebens. Erfahrung ist erprobtes Wissen. Wenn jemand den Führerschein gemacht hat, aber nie Auto fährt, hat er keine Erfahrung. Erfahrung ist die praktische Seite jedes theoretischen Wissens. Ein junger Arzt hat zwar sein Examen und verschiedene Praktika. Doch weiß er noch nicht, worauf es wirklich ankommt. Das akademische Wissen muss im Alltag erprobt werden. Und so wird sich im Laufe seines Lebens aufgrund vieler kleiner Bausteine die Erfahrung bilden.
Ältere Menschen verfügen verständlicherweise über mehr Erfahrungen als ein junger Mensch. Erfahrungen sind die wesentliche Grundlage für Gelassenheit. Das Wissen, wie die Dinge laufen, beruhigt. Denn „es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ Prediger 1, 9. Ältere Menschen regen sich auf über die Fehler junger Leute. Doch sie dürfen ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Sie dürfen auch manches anders machen.
Der Grundsatz gilt: „Rede, wenn du gefragt wirst. Ansonsten schweige!“ Als Christen sammeln wir Erfahrungen im Gebet, im Umgang mit der Bibel, mit Gemeinde, mit Jesus Christus, mit Gott, mit dem Heiligen Geist. Viele Leute schreiben ihre Erfahrungen auf. Manche Bücher sind auf diese Weise entstanden. Heutzutage gibt es viele Seniorberater, die jüngeren Kollegen ihr Fachwissen weitergeben.
Vorzug 3: Beständigkeit
Ältere Menschen geben einer menschlichen Gemeinschaft Stabilität. Früher waren die Großeltern selbstverständlich der Mittelpunkt einer Familie. Sie strahlen eine Ruhe, eine Unerschütterlichkeit aus. Die Experimentierphase ist vorüber, die Kinder erwachsen, das Berufsleben geht dem Ende entgegen oder ist bereits abgeschlossen. Der Wohnort wird in der Regel nicht mehr gewechselt. Die Beständigkeit zeigt sich auch im Denken. Deshalb ist es für ältere Menschen viel schwerer, sich zum Glauben durchzuringen. Sie haben ihre Grundsätze und können sich nur schwer davon lösen. Die Abläufe im Leben sind erprobt und bieten Sicherheit für einen selbst und für andere. Verrückte Ideen sind selten geworden. Ältere Christen sind die Säulen einer Gemeinde. Sie sind beständig im Gebet und im Besuch von Gemeindeveranstaltungen.
Vorzug 4: Großzügigkeit
Enkel lieben die Großzügigkeit von Oma und Opa. Bei ihnen erleben sie mehr Freiheit als bei den Eltern. Von ihnen bekommen sie eher mal etwas zugesteckt und werden ein bisschen verwöhnt. Großeltern tragen keine Verantwortung für ihre Enkelkinder. Sie sind Großzügigkeitseltern. Großzügigkeit bedeutet auch, dass ältere Menschen leichter mal über etwas hinwegsehen können. Sie müssen nicht mehr an allen möglichen Fronten kämpfen. Sie brauchen sich nicht zu beweisen. Sie sind frei davon, auf Schritt und Tritt Anerkennung zu bekommen. Ältere Menschen werden weniger an ihren Leistungen gemessen als viel mehr an ihrer Art. Es gibt nichts Schlimmeres als rechthaberische ältere Menschen, die immer das letzte Wort haben müssen. Ältere Menschen verfügen in der Regel über mehr Geld als jüngere, von vielen Ausnahmen abgesehen (die Altersarmut nimmt zu). Sie müssen keine Wohnung mehr einrichten. Sie sind in der Lage, mehr von ihrem Geld abzugeben. Das Gegenteil von Großzügigkeit ist Egoismus, wenn Menschen immer nur an den eigenen Vorteil denken. „Gib gerne mit warmen Händen.“
Vorzug 5: Zeit
Ältere Menschen haben mehr Zeit. Allerdings können viele mit diesem kostbaren Faktor schlecht umgehen. Ältere Menschen müssen ganz neu lernen, ihre Zeit einzuteilen, ohne diese nur zu vertrödeln. Manches geht langsamer als früher. Und darf es auch! Ein guter Tagesplan ist eine große Hilfe. In unserer hektischen Gesellschaft, die auf Leistung ausgerichtet ist, tut es gut, Menschen zu kennen, die viel Zeit haben. Jüngere Menschen wünschen sich Ältere, die zuhören können und nicht ständig auf die Uhr gucken. Ältere Christen haben mehr Zeit zum Beten, zur Beschäftigung mit Gottes Wort. Wer über mehr Zeit verfügt als früher, darf und muss neue Prioritäten setzen. Er ist wirtschaftlich versorgt und kann einen Teil seiner Zeit für ehrenamtliche Aufgaben einsetzen. Sie sind in der Lage, einzuspringen.
Vorzug 6: Leidensfähigkeit
Dieser Vorzug hört sich zunächst alles andere als einladend ein. Leiden verdrängen wir lieber aus unserem Leben. Ältere Menschen haben manchen schweren Stürmen des Lebens standgehalten und sind daran gereift. Sie gleichen der alten Eiche, die nichts mehr so leicht umwerfen kann. Deshalb haben ältere Menschen die Stärke, anderen beistehen zu können, zu trösten, zu unterstützen. Jedoch nicht in dem Sinne, dass sie gut gemeinte Ratschläge erteilen. Sondern indem sie anderen das Gefühl vermitteln, verstanden zu werden. Wir Menschen lernen am meisten an den Brüchen, den Misserfolgen, den Krankheitszeiten, den Enttäuschungen. Allgemein gesagt an den Krisen. Wer einigermaßen unbeschadet durchgekommen ist, hat sich eine Leidensfähigkeit angeeignet. Unser Glaube an Jesus Christus bietet den starken Halt. Der Apostel Paulus ist ein prominentes Beispiel dafür. Trotz einer unangenehmen Erkrankung, die ihn oft flach legte, wurde er zu einem der größten Missionare der Christenheit. Sogar Gefängnisaufenthalte und Folter konnten ihn nicht davon abbringen.
Vorzug 7: Konzentriertheit
Es gibt zwar die wilden Alten, die nicht zur Ruhe kommen (wollen). Die Unruhe um sich her verbreiten. Eine Stärke des älteren Menschen ist, dass er sich auf Wichtiges konzentrieren kann und sich zuverlässig damit beschäftigt. Er muss nicht ständig etwas Neues erleben. Er muss auch nicht mehr alle möglichen Länder kennenlernen. Der dritte Lebensabschnitt bietet die Gelegenheit, sich gründlich mit Dingen zu beschäftigen, zu denen man bislang nicht gekommen ist. Das Seniorenstudium an den Universitäten hat zugenommen. Viele Ältere besuchen die Volkshochschule. Andere machen eine Ausbildung als Sterbebegleiter. Manche erlernen noch mal eine Sprache. Andere gehen künstlerischen Interessen nach, fangen an zu malen oder zu schreiben. Wieder andere arbeiten an einer Familienchronik. Auch ältere Menschen haben Träume und Ziele. Es ist wichtig, diese ernst zu nehmen und darauf hin zu arbeiten. Das Gespräch untereinander bietet wunderbare Möglichkeiten, Interessen zu wecken. Unter älteren Menschen ist die Neigung verbreitet, viel zu viel über Krankheiten zu sprechen oder über andere Leute. Konzentrieren wir uns auf lohnenswerte Themen. Lassen wir uns nicht von einem Negativismus fangen. Zum konzentrierten Leben gehört es auch, Beziehungen in Ordnung zu bringen, mit sich und anderen in´s Reine zu kommen.
Schluss:
Häufig höre ich von älteren Menschen: „Mit mir geht es immer mehr bergab.“ Für uns Christen heißt es: „Für uns geht es immer mehr bergauf.“ Unsere Gewissheit, dass wir eines Tages unser Ziel erreichen, für immer bei Jesus zu sein, setzt positive Kräfte frei. Martin Luther hat gesagt: „Selbst, wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“
Nehmen wir die Vorzüge des älteren Menschen ernst. Verlieren wir nie den Mut, etwas anzufangen, solange wir die Kraft dazu haben.
© Pastor Christoph Maas