Altes neu entdeckenWie schaffen wir es auch Jungsenioren in die Arbeit einzubinden?

Auszüge aus einem Seminar von der Schulung für Mitarbeiter/innen in der Arbeit mit Senioren.

Von Manfred Eibach, Pastor i. R.

Zur Einführung:

Seniorenarbeit in der Zukunft ist ein weites Feld     

Altersspanne: bis zu 35 Jahre!!   Ruhestand wird immer länger!  Die Lebenserwartung und das Lebensgefühl haben sich gewandelt und wandeln sich weiter.  Der demographische Wandel tut sein Übriges. Die Interessen und Erwartungen an das Leben gehen weit auseinander. Da sind die Ruheständler, die körperlich und geistig fit,  mit viel Energie noch die Welt entdecken und Neues erobern und erkunden wollen.Da sind am andern Ende der Skala die Pflegebedürftigen, oder die Dementen, die auf  fremde Hilfe rund um die Uhr angewiesen sind.

Dazwischen gibt es viele Abstufungen von Senioren, die geistig noch fit sind, aber körper­lich angeschlagen sind,   oder die körperlich fit aber geistig angeschlagen sind. Da sind die, die weltoffen, kulturell und politisch stark interessiert sind bis hin zu denen, denen ihre kleine Welt der Familie und ihres Wohnortes ausreicht. Die einen wollen im Bild bleiben, in dem sie sich informieren und weiterbilden, wo und wie sie es nur können.  Die andern haben mit sich und ihrer kleinen Welt genug. Da sind die Großeltern, die sich regelmäßig um ihre Enkel kümmern und das mit ganzer Hin­gabe tun.   Auf der andern Seite sind die, die weit von ihren Kindern weg sind und ihre Kin­der und Enkel nur dann und wann einmal zu sehen bekommen.

Da sind die, die ihr Leben lang in Führungspositionen waren und Verantwortung getragen und übernommen haben. Da sind die andern, die von ihrem Berufsalltag her Befehlsempfänger waren und ihre Pflicht getan haben. Für die Arbeit mit Senioren stellt sich die Herausforderung, dass wir nicht alle über einen Kamm scheren können. Es wird uns wohl nicht gelingen, alle in einem Kreis oder einer Gruppe einzufangen, bzw. mit einem Angebot zu erreichen, zumal dann, wenn die Arbeit bewusst missionarisch ausgerichtet sein soll.

Was aber kann hilfreich sein, dass wir aus bisher eingefahrenen Gleisen heraus kommen:

Unter der Überschrift  „Altes neu entdecken“   –   dazu ein paar Gedankenanstöße besonders  im Hinblick auf die Integration der Nachkriegsgeneration von Senioren in die Arbeit .

Es geht nicht um in der Praxis erprobte Modelle, sondern um Denkanstöße,  Ideen, über die es gilt nachzudenken  und wenn praktikabel auszuprobieren und zu ergänzen. Es  geht auch nicht darum, dass wir Vergangenes heiligsprechen und meinen, wenn wir es so machen wie damals, dann wird alles wieder besser. Aber es geht darum, dass wir darüber nachdenken, was uns möglicherweise  an Wertvollem verlorengegangen ist und es wert ist, es wieder zu entdecken. Es geht darum zu verstehen und erkennen, was war, was ist das Lebensgefühl, das Lebens­motto derjenigen, die neu ins Seniorenalter kommen und welche Auswirkungen hat das auf das Leben, das Miteinander, auf die Gestaltung der Seniorenarbeit in Zukunft?

Soziologisch, gesellschaftspolitisch sprechen wir von den 68ern. Was war bei ihnen anders, besonders im Unterschied zu denen, die den Krieg noch erlebt und die Aufbauarbeit nach dem Krieg geschultert und geleistet haben?

Altes Neu entdecken: Stichwort – Gastfreundschaft und Gemeinschaft: 

Früher war die Gemeinschaft besser, so kann man es immer wieder hören und erleben.  Man hat sich getroffen um miteinander zu reden. Es gab feste Treffpunkte,  wo man ungezwungen zusammen sein konnte. Besuche ohne Voranmeldung waren selbstverständlich. Zeit füreinander haben war wichtig!

Einige Beispiele, Erfahrungen zum Verständnis:

Bezirksversammlungen mit anschließen­dem Kaffeetrinken in Familien. Auswärtige wurden von Einheimischen eingeladen.  Ich erinnere mich gerne an die Gastfreundschaft das Kennenlernen vieler wertvoller Geschwister aus den Nachbargemeinden und den regen Informationsaustausch! Nicht selten wurde auch über das in der Veranstaltung Gehörte gesprochen und manchmal auch kontrovers diskutiert.

Während des Studiums habe ich viele Studienkollegen mit nach Hause genommen, angemeldet und unangemeldet. Was auf dem Tisch war, wurde geteilt. Noch heute erinnern sie sich an die Gastfreundschaft, die sie in mei­nem Elternhaus erfahren haben! Durch das gegenseitige Kennenlernen und Anteilnehmen ist eine gute Gemeinschaft entstanden, an die beide Seiten gerne zurückdenken und wovon alle profitiert haben.

Als Pastor habe ich viele Besuche ohne Voranmeldung gemacht.  Gerne erinnere ich mich an  die freundliche Aufnahme und gute Gespräche die ich durchweg erfahren habe! Doch im Laufe der letzten Jahre hat sich in diesem Punkt einiges gewandelt.

Dazu einige Beobachtungen:

Ich denke an die ältere Frau aus einer kleinen Stadtgemeinde, die einen Witwer geheiratet hat. Nach relativ kurzer Zeit starb der Mann. Seitdem war sie allein in  ihrem Einfamilienhaus in einer fremden Umgebung.  Sie litt darunter, dass sie einsam war. Seit dem Tod ihres Mannes wurde  sie zu keinem Familienfest oder -feier mehr  eingeladen! Und auch ansonsten empfand sie, außen vor zu sein.

Erfahrung im Hochhaus:

Ich erinnere mich an 2 Witwen, die beide unter Einsamkeit litten. Obwohl sie beide im gleichen Hochhaus wohnten, die eine im 7. die andere im 10. Stockwerk, kam  keine auf die Idee, die andere zu besuchen, bzw. einzuladen.

Einladungen an Fremde in die eigene Wohnung  sind allem Anschein nach nicht mehr üblich. (Ich hörte von einer  Familie, die über 10 Jahre in einer Gemeinde Mitglied war,  aber keine private Einladung zu irgendeinem Anlass von Gemeindegliedern bekommen haben!!)

Gastredner klagen zunehmend darüber, dass sie nach Gottesdiensten am Vormittag vergeblich auf eine Einladung zum Mittagessen warten. Ausländer, Migranten leiden darunter, dass sie oft nach Jahren noch keine deutsche Familie in ihrer eigenen Wohnung erlebt haben! Was für ein Kontrast dazu: Gastfreundschaft in südlichen Ländern, wo nach wie vor Gastfreundschaft ein sehr hohes Gut ist.

Fragen:

Welche Formen der Gemeinschaft braucht es heute, um wieder Zeit füreinander zu haben und Anteil am Leben anderer zu nehmen?

Was muss geschehen, dass unsere Häuser,  Wohnungen  wieder Stätten der Begegnung  und Zentren der Gemeinschaft  werden?