1. August 2021 | Monatsimpuls

Monatsimpuls August 2021

1. August 2021

Am Abend regnete es sehr stark. Es gab eine Unwetterwarnung in der Wetterapp und auf unserer Terrasse stand schon etwas Wasser. Ich machte mir Sorgen, weil das Wasser dort nicht gut abfließt und so lief dann auch etwas in den Keller. Nicht schlimm, denn dort gibt es einen Abfluss und so waren auch dort nur ein paar kleine Pfützen. Dann rief mich ein Nachbar der Gemeinde an und meinte, dass dort das Wasser in den Keller lief. Ich machte mich gegen 1.00 Uhr nachts auf den Weg und musste schon durch tiefe Wasserpfützen auf der Straße fahren. Geröll und Äste lagen dort, das Wasser stand vielleicht 20 – 30 cm hoch. In der Gemeinde war allerdings nur der Aufzugsschacht vollgelaufen – ärgerlich aber nicht weiter dramatisch. Dann kamen am nächsten Morgen die Meldungen von der anderen Seite der Lenne. Straßen weggespült, Häuser komplett unter Wasser, einige einsturzgefährdet. Menschen, die in kurzer Zeit alles verloren hatten. Die Feuerwehr, das THW und schließlich die Bundewehr mit Bergepanzern bahnten sich den Weg in die abgeschnittenen Täler. Noch schlimmere Bilder sah man dann aus der Eifel.

Wir waren mit ein paar Litern Wasser im Keller davongekommen. Nichts passiert – ein paar hundert Meter weiter ist alles zerstört. Die eine Familie hat es getroffen, ein paar Häuser weiter kaum Schäden. Manche haben eine Elementarversicherung und können auf Geld von der Versicherung hoffen, anderen stehen vor dem Nichts. Alles ist kaputt. Und so könnten wir weitermachen. Das Leben kennt keine Gerechtigkeit. Der eine kommt gut durch das Leben, es gibt keine Probleme, keine Krankheiten, ein sicherer Arbeitsplatz. Und der andere muss ständig kämpfen. Was unterscheidet mich von meinem Nachbarn, der Arbeitskollegin oder einem Freund?

Der Dichter von Psalm 73 schaut sich um. Auch ihm fällt die Ungerechtigkeit des Lebens auf. Einigen geht es gut – andere sind vom Leben geplagt. Was seine Not noch vergrößert ist der Gedanke: ich frage nach Gott und bemühe mich um ein gutes und gottgefälliges Leben. Aber mir geht es nicht gut damit. Andere, die überhaupt nicht nach Gott, nach Recht und Gerechtigkeit fragen, denen geht es gut. Sie scheinen auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen während bei mir alles schief geht. Wo ist Gott in dieser Rechnung? Gibt es keine Gerechtigkeit für die, die sich an Gott halten?

Immer wieder werde auch ich in solche Gespräche verwickelt. Menschen fragen nach Gott und der Gerechtigkeit in dieser Welt. Und sie sind der Meinung – wenn es Gott gäbe, dann müsste es doch besser sein. Aber das ist es nicht. Also kommen sie für sich zu dem Schluss: Gott gibt es nicht. Es kann ihn nicht geben und wenn der Himmel leer ist, dann muss ich im Leben auch keinen Gedanken daran verschwenden. Auch solche Stimmen hört der Psalmdichter. Und er schenkt ihnen fast glauben. Ja, wenn das so ist, dann ist mein Glaube, mein Streben nach einem gottgefälligen Leben auch umsonst. Indem er darüber nachdenkt erschrickt er gleichzeitig. Was ist denn, wenn der Himmel tatsächlich leer ist? Was ist, wenn alles vergeblich, hoffnungslos ist.

Einige von denen, die viel verloren haben sagen sich heute: Hauptsache wir leben noch! Alles andere sind doch nur Gegenstände, die kann man ersetzen. Aber das Leben lässt sich nicht ersetzen. Doch was ist, wenn das Leben auch an sich keinen Wert hat? Wenn es nichts weiter gibt – ist das nicht alles beliebig und am Ende wertlos? Ist dann nicht auch des Menschen Leben umsonst? Indem er diesen Gedanken nachgeht erschrickt er förmlich. Nein, das kann nicht sein. Das Leben kann nicht hoffnungslos sein, es ist nicht vergeblich. Also begibt er sich in die Nähe Gottes, in den Tempel. Und dort vernimmt er in seinen Fragen und Gedanken ein Bild. Ein Bild, das uns Menschen von Kind auf begleitet. Der Vater oder die Mutter hält uns an der Hand und wir können sicher sein. Ja, an der Hand der Eltern sind wir gut aufgehoben und können die Welt entdecken. Genau dieses Bild sieht er. Gott, so erkennt er, hält mich an seiner Hand. Das ist der Spitzensatz in Vers 23: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“

Ja, die Ungerechtigkeiten des Lebens werden bleiben. Wir werden nicht auf alle Fragen eine Antwort bekommen und vieles ereilt uns schicksalhaft und ohne erkennbaren Sinn. Das alles passiert und wir sind als Nachfolger Jesu nicht davon ausgenommen. Aber wir sind nicht ohne Hoffnung und Halt im Leben. Denn Gott verspricht, an unserer Seite zu bleiben. Und er geleitet uns durch das Leben. Durch die Höhen und Tiefen. Und am Ende werden wir das Ziel erreichen – die ewige Gemeinschaft mit ihm. Das ist auch die Erkenntnis des Dichters. Das Leben ist nicht sinn- und hoffnungslos. Wir sind als Kinder Gottes auf der Reise durch die Zeit, damit wir am Ende im Vaterhaus ankommen. Mit diesem Gedanken geht er getröstet zurück in seinen Alltag.

Jörg Hörster (Mitglied im Arbeitskreis Ältere Generationen)