Die Jahreslosung 2021 lautet: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukasevangelium, Kapitel 6, Vers 36).
Es ist eine Ermahnung Jesu an seine Zuhörer und im ersten Augenblick scheint man zu stocken und denkt sich – oh weh, dass geht doch gar nicht. Sind die Ansprüche nicht viel zu hoch?
Liest man dann noch den Zusammenhang, in dem der Text erscheint, wird einem vielleicht noch mulmiger zu Mute. In den Versen davor geht es um die Feindesliebe. Der Leser wird aufgefordert auch seine Feinde zu lieben. Jesus sagt, dass man für die beten soll, die einen verfluchen und verletzen. Man soll teilen und eine andere Einstellung, denen gegenüber haben, bei denen es einem schwer fällt sie zu mögen oder gar zu lieben. Und die Verse enden dann mit der Aufforderung: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Ich merke – ich bin damit gemeint. Ist das nicht totale Überforderung? Das kann ich doch gar nicht erfüllen oder doch?
Es kommen mir zwei Dinge in den Sinn, die mir helfen den Text anders zu sehen:
- Gott, der Vater ist barmherzig. Es ist sein Wesen und diese Barmherzigkeit gilt auch mir. Das ist die Grundvoraussetzung und erinnert mich an Klagelieder 3,22: „Die Gnade des Herrn nimmt kein Ende! Sein Erbarmen hört nie auf, jeden Morgen ist es neu. Groß ist seine Treue.“ Was für eine wunderbare Verheißung und Beschreibung des Wesens Gottes. Ich darf immer wieder – jeden Tag neu – zu Gott kommen und seine Barmherzigkeit und Gnade in Anspruch nehmen. Das zeigt mir, dass ich nicht perfekt sein muss und Fehler machen darf – denn Gott zeigt Erbarmen.
- Die Jahreslosung ermutigt mich zur Nachahmung und verliert dadurch ihre „Strenge“. Den Vater nachahmen – darum geht es doch in diesem Vers. Ich soll barmherzig sein, wie der Vater barmherzig ist. Meinen Vater nachzuahmen, ihm ähnlicher werden, dass ist ein Ziel, das nicht überfordert, sondern anspornt. Es ist ein Prozess, in dem etwas reifen kann. Etwas was man erlernen kann. So wie ein Kind Dinge nachahmt und immer besser wird. Mit der Zeit lernt das Kind mehr und mehr dazu und wird darin immer besser. Durch Üben, Probieren, Versagen, liebevolle Zuwendung von Seiten des Vaters lernt es und wird besser. Es geht nicht darum „perfekt“ wie der Vater zu sein, sondern ihn nachzuahmen.
In diesem Sinne freue ich mich auf das Jahr 2021 und möchte lernen barmherziger zu werden. Kann es sein, dass ich versage? Sicherlich, aber dann darf ich „aufstehen“ und weiter probieren und aus meinen Fehlern lernen. Und so wächst die Tugend der Barmherzigkeit in meinem Herzen.
Daniela Knauz